Es wird sehr viel Wert darauf gelegt dass die
Studenten des DanZan Ryu Jujitsu sich eine innere Haltung aneignen
die es ihnen ermoeglicht sich unbedingt in jegliche Situation einfuegen
zu koennen. Das mag zunaechst widerspruechlich erscheinen in einem
Zeitalter wo die meisten Menschen die Freiheit gewohnt sind, sich
das Leben jederzeit nach eigenem Gutduenken gestalten zu koennen,
wenn nicht sogar mit Gewalt oder Heuchelei menschliche Individualitaet
zu unterdruecken.
Diese positive Haltung kann durch das Beispiel
der Techniken des Fallens (Sutemi Wasa) demonstriert werden. Das
Japanische Wort "Sutemi" bedeuted soetwas wie 'Verpflichtung'
oder Einfuegung in eine unvermeidliche Situation. Mehr noch bedeuted
es, imstande zu sein (selbstlos oder kampflos) eine Position aufzugeben,
um imstande zu sein in moeglichst reibungsloser Weise in eine neue
(bessere) Position zu gelangen, ohne notwendigerweise zu wissen was
die zukuenftige Position sein wird. Diese Philosophie ist wohl eines
der bedeutendsten Merkmale der fernoestlichen Kultur. - Dem fortgeschrittenen
Kampfkuenstler ist dieses Prinzip der Anpassungsfaehigkeit wohl vertraut.
(Uebrigens, entgegen dem ueblichen Vorurteil, dass verletzungfreies
Fallen fuer die meisten schwer oder gar nicht zu lernen ist, bietet
das Dan Zan Ryu eine Reihe von wohldurchdachten und in der Praxis
geprueften Methoden das sichere Fallen zu lernen.)
Fernerhin, sind hier angebracht einige vergleichende
Bemerkungen ueber Dan Zan Ryu Jujitsu. - In Anerkenntnis der praktischen
Unzulaenglichkeit vieler heute populaeren Sebstverteidigungs Systeme,
wird "modernes JuJitsu" heute oft neu zusammengestellt
aus einer Kombination von Judo, Karate, Aikido, Ringen, Boxen und
anderen heute populaeren Kampfkuensten.
Dagegen wurde Dan Zan Ryu aus dem urspruenglichen
Japanischen Jujitsu entwickelt (als auch zum Teil aus Polynesischen
Kampfkuensten). Das alte Japanische Jujitsu wurde seit mehr als 1000
Jahren als waffenlose Kampfkunst in Japan entwickelt. Es muss dabei
in Betracht gezogen werden, dass die traditionellen Asiatischen Kampfkuenste
entwickelt wurden unter dem Druck von manchesmal Jahrhunderte dauernten
buergerkriegsaehnlichen Zustaende. Es kann angenommen werden dass
die Bedingungen unter denen heute Gewalt geuebt und gefuerchtet wird
(meist unter kriminellen Ambitionen), moeglicherweise kaum den Bedingungen
gleichkommt unter denen die urspruenglichen Kampfkuenste entwickelt
wurden. Zu einem gewissen Grade ist es wohl berechtigt anzunemhmen
dass diese Tradition gewisse Praktische Vorteile lehren kann.
Um jedoch Missverstaendnissen vorzubeugen, muss
beigefuegt werden, dass in unserem Traing wir keineswegs wieder auf
mittelalterliche gewalttaetige Ambitionen zurueckfallen wollen. Im
Gegenteil, Meister Okazaki stellte Dan Zan Ryu unter einen moralischen
Zweck ("esoteric principles"). Dieser Zweck stellt an den
Studenten hohe Anforderungen der inneren (moralischen, ethischen)
Entwicklung. Es wird sogar behauptet dass gewisse fortgeschrittene
Techniken nicht gelehrt werden koennen, wenn gewisse innere Voraussetzungen
nicht vorhanden sind.
Zum Beispiel, ein haufig benutzter Begriff im
Dan Zan Ryu ist das polynesische Wort 'Kokua'. Begriffe die dem 'Kokua'
wahrscheinlich am naechsten kommen sind Mithilfe, Beistand, Verantwortung,
Verstaendnis, Naechstenliebe, Toleranz, Mitleid und selbst Positives
Denken.
Bei oberflaechlicher Beobachtung mag es ironisch
erscheinen dass eine Kampfkunst die der Selbstverteidigung verpflichtet
ist, dem Zweck einer moralischen Entwicklung und der Naechstenliebe
unterstellt wird. Das erscheint jedoch nur so wenn man Gewalttaetigkeit
und Selbstverteidigung auf die rein physiche Ebene beschraenkt. Wenn
man jedoch begreift dass die Ursachen der menschlichen Gewalt tief
in der psychischen Verunsicherung und Selbstbezogenheit der Menschen
zu suchen sind, dann wird einem klar, dass erfolgreiche Selbstverteidigung
im weitesten Sinne verlangt dass man sich als Mensch im hoechsten
Masse innerlich weiterentwickeln muss, um seine besten Faehigkeiten
zu entwickeln. Mit anderen Worten: der Mensch muss sich zunaechst
bewaehren und als beachtenswertes Individuum erweisen, bevor ihm
dass Geschick die Gunst eines langen, erfolgreichen und Gesunden
Lebens erweist.
Eine Gesellschaft in der die Menschen dazu angeregt
werden sich innerlich soweit zu entwickeln dass sie nicht mehr angewiesen
sind auf die ueblichen Mittel der 'Furcht' (und all den davon abgeleiteten
Uebeln, wie Intimidation, Manipulation, Heuchelei, Luege, usw., also
im weiteren Sinne "Gewalttaetigkeit"), ist sicherlich weitaus
weniger gewalttaetig und damit "sicherer". - Um jedoch
wieder einem Missverstaendnis vorzubeugen, muss dabei klar gestellt
werden dass, bevor die Kampfkuenste diesen Zweck erreichen koennen,
sie in ihrem Grundtraining unbedingt nicht als Sport sondern als
Mittel zur Selbstverteidigung geuebt werden muessen. Andernfalls
geht ein gantz bedeutendes Element des grundlage-schaffenden Trainings
verloren und es kommen dabei nur wenig brauchbare Kompromisse zustande.
Diese Aufrichtigkeit muss dem Training zugrunde
liegen. Die hoeheren Techniken die unter den Raengen der Schwartzen
Guertel vermittelt werden muessen in diesem Geist praktiziert werden
um dem Kampfkuenstler das zu vermitteln was er benoetigt um in einer
ernsthaftigen physischen Konfrontation ueberleben zu koennen. Es
benoetigt die Entwicklung von gewissen psychologischen und seelischen
Grundlagen. Diese Grundlagen werden am Besten schon von Anfang an
in einer subtilen Weise dem Training eingeschlossen indem der Lehrer
("Sensei") auf eine gewisse ernsthafte Grundhaltung und
Konzentration schon bei den Anfaengern besteht.
Die Anwendung auf das taegliche Leben application
of daily life
Es gibt vielerlei Wege wie man das was man in
den Kampfkuensten lernt in die Praxis umzusetzen kann. Die folgenden
beiden Zitate sind eine Art die Grundproblematik die das Training
im Dan Zan Ryu ansprechen moechte, auszudruecken:
- "Was hilft es dem Menschen wenn er die
ganze Welt gewinnt, und er dennoch Schaden nimmt an seiner Seele."
- "Wenn wir auf unserem Wege stolpern,
ist das nicht weil Steine uns in den Weg gerollt sind, sondern
weil in unserer Sturheit wir auf unserer Phantasielosigkeit beharren
und so nicht instande sie zu umgehen oder entfernen."
Das letztere Zitat drueckt ein gantz besonders
bedeutungsvolles Element in den Kampfkuensten aus. Es ist jedermann
selbst bestellt sich seinen eigenen Weg im Leben zu formen indem
man lernt mit Hindernissen fertig zu werden. Bei der "Entfernung
der Steine" muss natuerlich beruecksichtigt werden dass damit
jedem Nachfolger zu einem Grade die Moeglichkeit genommen wird selber
zu lernen. Andererseits ist die Naechstenliebe und der Wille das
Leben unserer Mitmenschen zu verbessern ein grundlegender Bestandteil
einer erfolgreichen und zivilisierten Gesellschaft. Letztlich ist
es natuerlich jedem selbst ueberlassen zu entscheiden wie man diese
Dinge am besten handhabt.
Leider bin ich mit der Deutschen Kampfkunst
Literatur kaum vertraut; mehr jedoch mit der Amerikanischen. Es gibt
meines Wissens nach eine Unzahl von Literatur im Englischen Wortlaut,
das meiste weniger gut, weniges besser und noch weniger hervorragend.
In diesem Sinne wird im Folgenden eine kleine Auswahl geliefert:
- Zen in den Kampfkuensten Japans, von Taisen
Deshimaru-Roshi. Werner Kristkeitz Verlag, Heidelberg. Dritte Auflage
1994.
- Das Buch der fünf Ringe, von Miyamoto
Musashi.
- Das Buch der Menschlichkeit. Die neue Ethik
für unsere Zeit, von H.H. the Dalai Lama.
Ich hoffe dass hiermit den Deutschen Lesern
mit einer kleinen woertlichen Einfuehrung gedient sei - die beste
Einfuehrung ist jedoch in der Dojo, auf der Matte, zu suchen.
Burkhard Bohm, Sensei, Feather River Kodenkan
JuJitsu, e-mail attresse: Burkhard.